{"id":263,"date":"2020-05-23T19:17:35","date_gmt":"2020-05-23T17:17:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pietist.de\/?p=263"},"modified":"2020-05-25T09:14:24","modified_gmt":"2020-05-25T07:14:24","slug":"was-engels-und-marx-ueber-spurgeon-dachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pietist.de\/?p=263","title":{"rendered":"Was Engels und Marx \u00fcber Spurgeon dachten"},"content":{"rendered":"\n<p>Jenny Marx, die Tochter von Karl und Jenny Marx, besa\u00df ein Poesiealbum. Wer durfte und wollte, konnte darin vorformulierte Fragen beantworten. Im April 1868 war dann auch Friedrich Engels dran. Als Unterst\u00fctzer der Familie und F\u00f6rderer der Marxschen Theorie war er oft zu Gast. Und so schrieb er in englischer Sprache das, was man nun in Poesiealben so eben schreibt: eine launige Mischung aus humorigen Gedanken mit zuweilen ernstem Unterton. Auf die Frage, was f\u00fcr ihn die Auffassung vom Gl\u00fcck sei (\u201eIdea of happiness\u201c), antwortet Engels mit \u201eCh\u00e2teau Margaux 1848.\u201c Und als Inbegriff f\u00fcr Ungl\u00fcck (\u201emisery\u201c) nennt er den Gang zum Zahnarzt (\u201eto go to a dentist\u201c). \u201eProst\u201c, denkt man \u2013 das ist doch eigentlich ganz witzig. Ein paar Fragen weiter nehmen die Statements allerdings an Sch\u00e4rfe zu. Als pers\u00f6nliche Abneigung (\u201eYour aversion\u201d) f\u00fchrt er affektierte, hochn\u00e4sige Frauen an (\u201eaffected stuck up women\u201c). Und das Erkunden nach der Person, die er am allerwenigsten mag (\u201eThe character you most dislike\u201c), beantwortet er lapidar mit \u201eSpurgeon\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kurze Antwort ist leider oft \u00fcbersehen worden. Von den Marxisten wurde sie \u00fcberlesen, weil sie verst\u00e4ndlicherweise Spurgeon nicht kannten. Und bei den Spurgeon-Biographen blieb sie unbeachtet, weil sie sich wiederum nicht f\u00fcr Engels interessierten. Und doch ist der Eintrag ein kleiner Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Predigtgeschichte. Denn sie erinnert an die gro\u00dfe Anziehung, die der englische Prediger seinerzeit besa\u00df. Auch wenn Engels und die Marxfamilie ihn wohl nie pers\u00f6nlich geh\u00f6rt haben, so sind sie ihm in ihren Londoner Jahren gespr\u00e4chsweise sicher immer wieder begegnet. Denn w\u00e4hrend die beiden K\u00f6pfe des Kommunismus zur Revolution riefen, mussten sie die Erfahrung machen, dass viele Menschen lieber Gottesdienste besuchten. Doch die Leute besuchten nicht nur die Versammlungen im Metropolitan Tabernacle. Das viktorianische England verf\u00fcgte \u00fcber eine Vielzahl charismatischer Prediger und Predigerinnen wie Spurgeon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Brief vom reisenden Karl an seinen lieben \u201eFred\u201c vom 15. Juli 1874 unterstreicht den skizzierten Umstand. Dort h\u00e4lt er verwundert fest, dass in der Bibliothek seines Vermieters auch Predigten Spurgeons zu finden seien, obwohl dieser doch zur Church of England geh\u00f6re. \u00dcberhaupt, so Marx, k\u00f6nne man in England keinen Schritt tun, \u201eohne fromme Meetings angezeigt zu sehen\u201c. Und er schlie\u00dft \u2013 recht ern\u00fcchtert \u2013 seinen Eindruck: \u201eIn der Tat, der Plebs [!] ist hier sehr arm, und scheint in der Kirche seine Hauptzerstreuung zu suchen.\u201c Nat\u00fcrlich lie\u00dfe sich manches zur Einsch\u00e4tzung von Marx sagen. Doch der springende Punkt ist ein anderer. Die \u00c4u\u00dferungen von ihm und Engels erinnern an eine Zeit, in der die pietistische Predigt als \u00f6ffentliche Stimme wahrgenommen wurde. Die englischen \u201eEvangelicals\u201c des 19. Jahrhunderts brachten eine geistliche Rede hervor, die nicht auf kleine Konventikel beschr\u00e4nkt blieb, sondern Stadtgespr\u00e4ch wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zum Weiterlesen:\u00a0Izumi Omura, Valerij Fomicev, Rolf Hecker und Shun-ichi Kubo (Hg.): Familie Marx privat. Die Foto- und Fragebogen-Alben von Marx&#8216; T\u00f6chtern Laura und Jenny Eine kommentierte Faksimile-Edition. Mit einem Essay von Iring Fetscher, Berlin 2005; August Bebel, Eduard Bernstein (Hg.): Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx. Band 4, Bremen 2012.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Marx, die Tochter von Karl und Jenny Marx, besa\u00df ein Poesiealbum. Wer durfte und wollte, konnte darin vorformulierte Fragen beantworten. Im April 1868 war dann auch Friedrich Engels dran. Als Unterst\u00fctzer der Familie und F\u00f6rderer der Marxschen Theorie war er oft zu Gast. 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